Als ich vor einigen Jahren das erste Mal die Mikwe von Speyer besucht habe, war mir sofort klar geworden, dass eine Szene meines Romans dort spielen würde.
Der Gang hinunter in diese ganz besondere mittelalterliche Mikwe ist auch heute noch – obwohl dieses jüdische Ritualbad nun Teil eines Museums ist – ein spirituelles Erlebnis. In meinem Roman Tod oder Taufe – Die Kreuzfahrer am Rhein findet dort Jehudith, Frau des Mainzer Rabbis Chaim und Mutter von David, Hanna und Benjamin, nach der erniedrigenden und mit großem Scham behafteten Zwangstaufe ihren Frieden mit Gott.
Anders als in Mainz durften die Juden in Speyer aufgrund des Eingreifens von Bischof Johann I. schon bald, nachdem die Kreuzfahrer die Stadt verlassen hatten, zu ihrem Glauben zurückkehren.

Eingang der Mikwe [1]
In einer der jüdischen Chroniken, die kurz nach den Verfolgungen verfasst worden sind, heißt es: Als der Bischof Johann das erfuhr, kam er mit vieler Mannschaft, um der Gemeinde aufrichtig beizustehen, er ließ sie in seine Gemächer bringen und rettete sie aus den Händen der Feinde. … auf seine Veranlassung durften auch alle gezwungen Getauften … zu ihrer Religion zurückkehren. Die Mainzer Juden dagegen mussten noch ein ganzes Jahr – bis Kaiser Heinrich IV. aus Italien zurückgekehrt war – warten, um ihre Religion wieder offen praktizieren zu dürfen. [2]
In der folgenden Romanszene erlebt Jehudith noch einmal die Schrecken der Verfolgungen und die demütigende Zwangstaufe. Das Wasser der Mikwe versöhnt sie jedoch am Ende wieder mit ihrem Schöpfer.
Die speyerische Mikwe, die heute besichtigt werden kann, wurde erst Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut. Jehudith hätte also das Reinigungsbad dort im Jahre 1096 so noch nicht erleben können. Es muss aber bereits damals eine Mikwe in Speyer gegeben haben, denn ohne eine solche wäre eine große jüdische Gemeinde nicht denkbar gewesen. Immerhin waren jüdische Frauen angehalten, drei Tage nach ihrer Menstruation die Mikwe aufzusuchen.
Ich lade Sie nun ein, mit Jehudith in die speyerische Mikwe einzutauchen.
Speyer ─ auf dem Platz zwischen Mikwe und Synagoge
Ruth berührte ihren Arm und zeigte auf den Wächter, der die Mikwe gerade verließ. „Es ist Zeit.“
Jehudith nickte. „So lass uns gehen.“
Sie grüßte die Balanit, die Aufseherin, die ihren Platz über dem Bassin einnehmen würde, um sowohl die Sauberkeit des Körpers vor dem Eintreten in das Wasser als auch den korrekten Vollzug des Eintauchens zu überprüfen.
„Wartet, bis ich das Zeichen mit der Fackel gebe, dann könnt ihr hinunterkommen“, sagte die Balanit zu ihr und Ruth. „Aber steht nicht getrennt, sondern reiht euch ein in die Gruppe der anderen Frauen aus unserer Gemeinde. Ihr sollt nicht auffallen.“
Die beiden gesellten sich zu der Handvoll Frauen, die bereits am Eingang der Mikwe warteten. Wie sehr hatte sich Jehudith nach diesem Bad gesehnt!

Der Blick hinunter Richtung Bassin [3]
Ihre Gedanken schweiften zurück auf die Ereignisse der letzten Tage. Die bewaffneten Irren hatten sich recht schnell nach der demütigenden Taufe aus der Bischofspfalz zurückgezogen und in der Stadt ihr Unwesen getrieben. Das betrunkene Gejohle war bis zum frühen Mittwochmorgen zu hören gewesen.
Um Mitternacht waren ihnen die Fesseln abgenommen worden, und man hatte ihnen Lagerstätten im Kaiserhaus zugeordnet. Weder Chaim noch sie hatten geschlafen, zunächst konnten sie auch nicht miteinander sprechen. Und als David endlich eingeschlafen war, waren es nur ein paar flüchtige Worte, die sie gewechselt hatten. Sie waren sich beide fremd gewesen in diesem Moment und hatten jede Berührung vermieden. Es war, als hätte Chaim mit einer anderen Frau geschlafen, so verletzt war sie. Dies war ein ungerechter Vorwurf. Jehudith glaubte jedoch, dass ihr Mann Ähnliches empfunden hatte.
Am Morgen des Donnerstags nach dem vollständigen Abzug des Kreuzfahrerheeres fühlten sie sich sicher genug, um die Pfalz zu verlassen. Ihr Laden glich einem Schlachtfeld, nur der Wohnbereich war weitgehend verschont geblieben, außer ein paar Schubladen, die herausgerissen waren. Der Schmuck war weg, aber ihr Chapeau lag unangetastet auf dem Regal in ihrer Dachkammer. Beim Anblick des Hutes mit dem durchsichtigen Stoff an den Zipfeln hatte sie ein erstes Mal wieder lächeln können.
Ihr Mann hatte sich den ganzen Vormittag in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und Nachrichten auf Schiefertafeln geschrieben, die David zu ihrem Schmied Alon und Maleachi, dem Pergamentmacher, brachte. Alon und Maleachi sollten Mosche und Kalonymos als neue Mitglieder des Rates ersetzen, bis eine ordentliche Wahl abgehalten werden konnte.
Die Balanit winkte mit der Fackel aus der Tiefe der Mikwe und lenkte Jehudiths Gedanken zurück in die Gegenwart. Die ersten zwei Frauen stiegen hinab, zwei an Wänden befestigte Kerzen erfüllten den Gang mit einem unruhigen Flackern.
Jehudith schloss die Augen. Sie wollte sich einstimmen auf die Begegnung mit ihrem Schöpfer, der ihr im lebendigen Wasser des Tauchbades bald gegenübertreten würde.
Sie zog sich in sich zurück und betete: „Herr, ich stehe hier vor Dir und erbitte Deine Nähe.“
So war sie es gewohnt, sich beim Besuch der Mikwe langsam dem inneren Punkt des Friedens, wie sie es nannte, zu nähern. Ihre Verbindung zum Einen war anders als Chaims mit seinem Gelehrtentum. Und sie wollte sich diese Nähe nicht verwirren lassen durch die vielen Regeln, um die ihr Mann besorgt war. Daher hatte sie selbst mit Chaim nie darüber reden wollen.
Meist war es ihr leichtgefallen, die Ereignisse des letzten Monats an sich vorbeiziehen zu lassen, die Dinge abzulegen, mit denen sie gehadert hatte, und auch die Fehler, die sie gemacht hatte, gemeinsam mit den unreinen Gedanken dem Herrn offen darzulegen. Es war ein Prozess, hundertfach eingeübt.
Doch alles war anders heute. Wie ein Schlag ins Gesicht traf sie die Erinnerung: Sie sah sich mit David die Treppe zum Kaiserhaus hinauflaufen, roch ihren eigenen bitteren Schweiß, dann der Moment, in dem sie von hinten umfasst und auf den Boden gedrückt wurde, der Druck eines Knies auf ihrem Rückgrat, ein Paar Hände griffen ihre Handgelenke, so fest, dass ihre Gegenwehr im Keim erstickt wurde, und pressten sie hinter ihrem Rücken zusammen.
Der Strick zog sich fest, sie wurde hochgerissen. Ein Stück Stoff wurde ihr in den Mund gestopft und ihre Augen verbunden. Stöße von groben Händen. Blind taumelte sie nach vorn, man schubste sie nach links und rechts. Schließlich packte man sie und hob sie hoch. Ein fremder Geruch, ihr Gesicht drückte sich an die Ösen eines Kettenhemdes, während man sie die Treppe hinunterschleppte.
Irgendwann hatte sie wieder gehen dürfen. David, David, wo bist du?, hatte sie schreien wollen. Aber der Knebel hatte es unmöglich gemacht. Dunkelheit und der ekelige Geschmack des Tuches in ihrem Mund. Jehudith begann zu zittern.
Sie öffnete die Augen, sah kurz zu Chaim, der im Gespräch mit einem der hiesigen Rabbis vertieft war.
Sie konnte den Punkt des inneren Friedens heute nicht finden. Der Eingang zur Mikwe hieß sie nicht willkommen. Jehudith zog das Leinentuch um ihren Körper fest.

Vor dem Raum der Balanit [4]
„Herr, Herr, verlass mich nicht“, flüsterte sie und atmete, so tief sie konnte.
Langsam wurde Jehudith ruhiger. Sie sah die Umrisse der zwei Frauen die Treppe hinaufsteigen. Oben angekommen sagte eine: „Nun ist es an euch.“
Jehudith war barfuß. Sie legte ihre zusammengebundenen Kleider in die dafür vorgesehene Kiste neben dem Eingang und begann, zusammen mit Ruth die kalte feuchte Treppe hinabzusteigen. Wieder überfielen sie die Bilder: Ihr Kopf in das Taufbecken der Johanniskirche gedrückt, der Knebel nass, es fiel ihr schwer zu atmen. Wasser war in ihre Nase gelaufen.
„Des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes“, hörte sie eine Stimme sagen. Sie musste stehen bleiben und sich an der feuchten Wand festhalten, während Ruth an ihr vorbeiging.
War es überhaupt richtig, sich in die Mikwe zu begeben? Würde das lebende Wasser diese Befleckung von ihr abwaschen können?
Jehudith versuchte, sich zu fassen. Stufe für Stufe tastete sie sich hinunter. Vor dem kleinen Zimmer der Balanit, in dem die Körper der Frauen vor dem Bad überprüft wurden, wartete sie. Die Tür öffnete sich. Ruth schritt nackt die wenigen Stufen hinunter zum Bassin.
Jehudith trat ein. Die Balanit hielt die Fackel in der Hand, das einzige Licht in dem kleinen feuchtklammen Raum. Jehudith nahm das Leinentuch von ihrem Körper, faltete es zusammen und legte es neben Ruths Tuch, das bereits auf dem vorgesehenen Regal lag.

Raum der Balanit [5]
Die Balanit wies Jehudith an, sich in die Mitte des Raumes zu stellen. Jehudith streckte, so wie es Sitte war, die Arme aus und spreizte ihre Beine. Sie schloss die Augen und spürte die Wärme des brennenden Holzspans an ihrem Körper entlanggleiten. Von dem linken Arm über die Schulter zum rechten. Dann entlang des Rückens, die Beine hinunter und hinauf über ihre Scham, ihren Bauch, Busen und ihr Gesicht.
„Es ist gut“, sagte die Mikwenfrau. „Du kannst hinuntergehen.“
Ein leises Licht schien vom Himmel durch die kleine Öffnung ein Dutzend Klafter über dem Bassin. Sie konnte nur Umrisse ausmachen, gerade genug, um die Stufen zu erahnen, die sie bald hinunterschreiten würde.
Sie schloss die Augen und betete, wie es vorgeschrieben war: „Baruch ata adonaj, eloheynu, melech ha-olam, ascher kidschanu be-mitswotaw we-tsiwanu al ha-tevillah.“
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Herr, König der Welt, der uns durch Seine Gebote geheiligt hat und der uns das Untertauchen befohlen hat.
Sie hörte, wie die Balanit den Segensspruch sprach und dann das Platschen des Wassers. Ruth war zum ersten Mal untergetaucht.
„Kascher“, sagte die Balanit, um das der Regel entsprechende Eintauchen zu bestätigen.
Und nochmals ein Platschen und wieder der Ruf „Kascher.“
Und nochmals ein Platschen. „Kascher.“
Jehudith hörte Ruth dem Bad entsteigen und öffnete die Augen.
Sie schaute zur Mikwenfrau hinüber, die nickte. Jehudith trat auf die erste der sieben Stufen hinunter in das Becken. Auf der zweiten Stufe berührten ihre Zehen bereits das eisig kalte Wasser. Trotz der Kälte verblieb sie in ihrer Bewegung bis sie den Boden erreichte. Bis zu ihrem Busen stand sie im Wasser. Die Balanit sprach den Segensspruch und Jehudith nahm die Füße vom Boden, zog die Knie an ihre Brüste und sank hinunter.

Das Becken der Mikwe [6]
Jehudith war ganz umschlossen von dem lebendigen Wasser. Sie verlor ein wenig ihre Angst, verblieb einen Moment in dieser Stellung, tastete mit ihren Füßen nach dem Boden und stand auf.
„Kascher.“
Ihr Herz klopfte schneller. Nochmals tauchte sie unter und erfreute sich an dem klaren frischen Nass, das ihren Körper umfing. Endlich hatte sie ihren inneren Punkt des Friedens wiedergefunden. Sie war nun wieder Teil des Stromes der Schöpfung. Und mit einem inneren Glück spürte sie die Frucht, die bereits in ihrem Bauch heranwuchs.
„Kascher.“
Nochmals tauchte sie unter. Und da öffneten sich die Tore des Himmels. Gott hatte Jehudith nicht verstoßen.
[1] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Speyer_Mikwa_20240328_155847.jpg
Rigorius, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons[2] (Baer 1892) »Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge. Im Auftrage der Historischen Commission für
Geschichte der Juden in Deutschland«, hrsg. von Adolf Neu-bauer und Moritz Stern, ins Deutsche übers. von S. Baer. Berlin. Verlag
Leonhard Simion (1892), S. 171.[3] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mikvah_Speyer_2022-09-07_15.jpg
Z thomas, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons[4] This Wikipedia and Wikimedia Commons image is from the user Chris 73 and is freely available at //commons.wikimedia.org/
wiki/File:Judenbad_Speyer_4_changing_alcove_in_first_room.jpg under the creative commons cc-by-sa 3.0 license.[5] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mikvah_Speyer_2022-09-07_12.jpg
Z thomas, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons[6] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mikwe_speyer_11.JPG
Manuae, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
Aus: Jakob Matthiessen. Tod oder Taufe – Die Kreuzfahrer am Rhein. Gmeiner-Verlag. Meßkirch, 2021 (zweite Auflage 2023). S. 557-561.
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